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Das bockige Eselchen.


In früheren Zeiten - lang, lang is her - da gingen die einfachen Menschen zu Fuß und trugen ihre Habe in Kraxen auf dem Rücken. Die Wohlhabenden ritten auf Pferden und nahmen ihr Gepäck auf Maultieren mit. Die Reichen fuhren in Kutschen über die staubigen Landstraßen und hatten Diener dabei. Schwere Lasten wurden auf die Rücken von Eseln geladen, Heu und Rüben auf Ochsenkarren eingefahren und wertvolle Güter mit Pferde-Fuhrwerken befördert. Auf Volksfesten kannst Du noch Brauereipferde bewundern, die wie einst schwere Wagen mit riesigen Bierfässern ziehen.
Überall im Land gab es Mühlen: An Flüssen und Bächen rauschte Wasser über das Mühlrad und trieb es an, auf Bergkuppen und am Meer drehte der Wind die Mühlräder. Die Bauern brachten nach der Ernte das Korn zur Mühle. Der Müller kaufte es ihnen ab oder behielt ein Teil des Mehles als Lohn für seine Arbeit. Das fertig gemahlene Mehl brachte der Müller in die Stadt und verkaufte es mit Gewinn an Bäcker und Zuckerbäcker. Die Leute auf dem Land buken ihr Brot und ihre Festtagskuchen selber.

Für die schweren Säcke hatte der Müller einen oder mehrere Esel, je nachdem wie groß seine Mühle war und wieviel er zu mahlen bekam und verkaufen konnte. Das Leben war mühsam damals und unter den Menschen gab es genau wie heut gute und schlechte.
Einst trug sich folgende Geschichte zu: Einem braven Müller war der alte Esel gestorben. Aus dem zähen Muskel-Fleisch siedete der Metzger Eselswurst, die Reste wurden an die Hunde verfüttert. Aus dem Fell gerbte der Kürschner Leder und der Sattler nähte Packtaschen daraus.
Am Sonntag nach dem Gottesdienst schaute sich der Müller auf dem Viehmarkt nach einem neuen Esel um. Für ein kräftiges Arbeitstier reichte sein Geld nicht, also kaufte er einen Halbwüchsigen. Der junge Esel war bisher nur hinter seiner Mutter hergelaufen, hatte hin und wieder die Kinder des Bauern getragen oder ein leichtes Bündel – mehr kannte er nicht.
Der gute Müller führte ihn heim in seinen Stall, gab ihm frisches
Stroh, reichlich Futter und ließ ihm Zeit, sich einzugewöhnen: Ans Geratter der Mühlräder, die Ziegen im Verschlag des Stalles, ans Schwein, das im Koben grunzte und die Hühner, welche aufgeregt gackerten, wenn sie ein Ei legten. Der Knecht striegelte ihn morgens und kratzte ihm abends die Hufe aus.
Nach einigen Tagen wurde der Esel über den Hof zur Weide am Mühlbach geführt und hörte die Müllerin mit den Mägden reden, wenn sie die Wäsche wuschen. Als dem Esel die neue Umgebung vertraut war, sollte er anfangen, seinen Dienst zu tun.
„Einen Sack wirst Du wohl tragen können“, meinte der Müller und führte ihn am Halfter zum Eingang der Mühle. „Wenn Du größer und kräftiger geworden bist, versuchen wir es mit einem zweiten.“
Der junge Esel verstand die Worte nicht. Als ihm der Knecht aber den Mehlsack auflud, schlug er empört aus und schrie wutschnaubend "I-ah, i-ah". Der Müller hatte ein gutes Herz, sprach beruhigend auf ihn ein und gab ihm eine Zuckerrübe zum Trost. Während der Esel die Leckerei kaute, zurrte der Knecht die Riemen fest, damit der Sack nicht verrutschen konnte. Dann führte der Müller seinen jungen Esel zum Tor hinaus und trottete mit ihm gemächlich die Landstraße entlang. Dabei sang er ein Wanderlied mit vielen Strophen in dessen Takt die Beine der beiden wie von alleine vorwärts gingen.

Kurz vor der Stadt lag ein Hügel. An seinem Fuße blieb der Esel stehen und wollte keinen Schritt weiter gehen. ‚Ich hab mich genug angestrengt’, dachte er, ‚das reicht’.

Der Müller hielt ihm eine Karotte vor die Nase und zog am Halfter:

„Jetzt komm schon“, sagte er, „das schaffen wir auch noch.“

'Du meinst wohl, ich soll das schaffen!’ dachte der Esel, stellte sich vierschrötig hin und zog den Kopf ein.

„Jetzt hab Dich nicht so“, schimpfte der Müller, „mein alter Esel hat die doppelte Last getragen und nicht so ein Theater gemacht!“

‚Das wird schon so ein dummer Esel gewesen sein’, dachte der Junge und rührte sich nicht von der Stelle.
„Bist Du nun zur Salzsäule erstarrt?“ brüllte der Müller, „Dir werd ich Beine machen!“, zog seine Peitsche aus dem Gürtel und hieb dem störrischen Esel aufs Hinterteil. Huiiii – wie galoppierte der nun los! „Siehste wohl, wieviel Kraft Du hast!“ rief der Müller und rannte hinterher. Oben blieb der Esel erstmal verwundert stehen und schaute auf die Umrisse der Stadt. Der Müller gab ihm die Karotte, dann ließ er sich bergab artig führen. Bald erreichten sie das Stadttor und nicht weit dahinter bogen sie in die Bäckergasse ein, wo das Mehl abgeladen wurde.
Der Esel schüttelte sich vor Erleichterung. Der Müller bekam sein Geld, führte ihn zum Stadtbrunnen, wo er saufen konnte und band ihn danach an einem Baum fest. Während sein Herr Besorgungen machte, kamen spielende Straßenkinder heran, fütterten das hübsche junge Grautier mit Wegkräutern und streichelten es. ‚So könnte es bleiben’ dachte der Esel, aber die Peitschenstrieme brannte ihm doch noch auf dem Hinterleder und erinnerte ihn, dass man sein Wohlleben sauer verdienen muss.
Auf dem Heimweg erschienen dem Esel die Beutel mit den Einkäufen wie ein Fliegenwicht. ‚Das wird eine fröhliche Heimkehr’, dachte er. Doch kaum waren sie durchs Stadttor gegangen, schwang sich der Müller auf seinen Rücken und gab ihm die Sporen. Der Esel war so überrascht, dass er keine Zeit fand, darüber nachzudenken, ob ihm die neue Last gefiele und preschte davon. Vor dem Hügel verlangsamte er seinen Schritt. Der Müller wollte das Tier schonen, saß ab und führte es über den Berg. Auf der ebenen Landstraße wollte er wieder aufsitzen. Doch das wollte der Esel nicht noch einmal zulassen: Wie ein Wilder bockte er und schlug aus. „Wenn Du Dich so aufführst, bleibst Du hier!”, bestimmte der Müller, band das aufsässige Grautier an ein Wegkreuz, warf die leichten Beutel über die eigne Schulter und marschierte heim zur Mühle.
Der Esel genoss die plötzliche Ruhe, blinzelte in die Sonne und träumte von Kindertagen, als Lasten für ihn unbekannt waren. Mit der Zeit wurde die Lage jedoch ungemütlich: Ein Wind kam auf und blies ihm den Staub der Straße um die Nüstern. Kein Wasser weit und breit - nicht mal bis zu den saftigen Gräsern neben seinen Hufen reichte das Halfter. Traurig stand der einsame Esel am Wegesrand und harrte eines menschlichen Wesens, das ihn losbinden und versorgen würde. Aber niemand kam - die Mühle lag einsam in einem versteckten Talkessel und kein Bauernhof war weit und breit. Als es dunkelte, pfiff ein eisiger Wind um den Fuß des Berges und in der Ferne heulten die Wölfe. Da zerrte der Esel an seinen Riemen, schnaubte verstört und stieß einen so erbärmlichen Schrei aus, dass man meinen konnte, eine verrostete Türangel quietsche in einem Spukschloss.

“Ich glaub’, mein Esel will heim”, murmelte der Müller schmunzelnd und schickte seinen Knecht hinaus in die Nacht. Der schulterte vorsichtshalber eine Flinte, dann schlich er im Mondschein die Straße entlang.
Inzwischen hatte der Esel in seiner Todesangst derart am Halfter gezerrt, dass es ihm das Fell aufrieb. Wenn die Wölfe erst das Blut röchen, würden sie sich auf ihn stürzen - das ahnte er instinktiv... Todesangst überkam ihn. Als er nun den Knecht herannahen hörte, japste er dem Erlöser ein klägliches „I-a“ entgegen.
“Da ist ja das Kreuz mit dem Esel!” rief jener
, denn er war des Gehens müde zu solch nächtlicher Stunde. Als er dem Grautier die Nüstern streichelte, schleckte es ergeben seine Hand. Wie tröstlich war doch die Anwesenheit des Pflegers. Vorsichtig halfterte der Knecht das Tier los und ließ es etwas grasen. Da zog eine Wolke vom Mond weg, die düstere Landschaft erstrahlte in seinem Glanz - und schon ertönte erneut der schauerliche Gesang der Wölfe. Der Esel legte fluchtbereit die Ohren an, der Knecht schwang sich geistesgegenwärtig auf seinen Rücken und fort ging ’s im gestreckten Galopp Richtung Mühle.
Der Müller empfing die beiden am Tor und führte den Esel
in den Stall: “Na, hast Du Dich ins eigene Fleisch geschnitten?” fragte er, während er das Tier im Schein einer Laterne abhalfterte. Dann holte er die Jodflasche und tupfte die Wunden mit einem sauberen Lumpen ab. Der Esel spürte, dass sein Herr ihn kurieren wollte, erduldete die Prozedur mit stoischer Ruhe und zuckte kaum, als die Medizin in der Wunde brannte. Endlich wurde er aufs Stroh geführt. Hafertrog und Wassereimer standen bereit, aus der Raufe duftete frisches Heu - besser konnte es kein Esel haben. Der Müller klopfte ihm noch freundschaftlich auf die Schulter, sperrte den Stall sorgfältig zu und machte den Wachhund los. Anschließend ging er ins Haus und legte sich zur Ruhe.
Der Esel ließ sich sein spätes Abendmahl gut schmecken. Und während die Sterne zum Stallfenster herein lugten, träumte er von den süßen Rüben, die ihm der Müller als Belohnung für jede harte Arbeit gab. Es war doch eine dumme Eselei gewesen, sich mit Bockigkeit Prügel einzuhandeln und sich den Gefahren der Wildnis auszusetzen, wo er hier so einen sicheren warmen Stall hatte.
Am nächsten Morgen stand er auf der Weide, da lud ein Bauer vier große Kornsäcke von seiner mageren Schindmähre. Nun erkannte der junge
Mülleresel, wie wenig er doch leisten musste und wie gut er dafür versorgt wurde.

Seither trug er seine Lasten ohne Murren, denn an so einen geizigen Herrn verkauft werden, das wollte er nie und nimmer.

 

 

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